Die Chronik eines eskalierenden Konflikts

Seit dem Wiedereinführung des Wolfes in Deutschland im Jahre 2000 breitet sich dieser von den östlichen Bundesländern immer weiter Richtung Westen aus. Im Jahr 2011 wurde zum ersten Mal ein Wolf in Niedersachsen gesichtet. Seitdem haben sich bereits 26 Rudel in Niedersachsen angesiedelt. Im August 2018 entbrannte ein Konflikt, der immer weiter eskalierte.

August 2018: Konflikt um Nutztierrisse

Im Februar 2018 wurde zum ersten Mal darüber berichtet, dass sich Wölfe im Raum Hannover Menschen ungewöhnlich nahe kommen. Schon damals machten sich die Wolfsexperten des Landes Niedersachsen Sorgen darum, dass die Wölfe anscheinend wenig scheu vor Menschen haben. Sie betonten aber auch, dass kein Gefahr für Menschen vorliege und geeignete Herdenschutzmaßnahmen Wolfsrisse verhindern könnten. Im August und September 2018 wurden jedoch zwölf Risse von Nutztier dokumentiert, sodass selbst der Umweltminister Niedersachsens einen Abschuss des verantwortlichen Wolfes in Betracht zog. Manche Nutztierhalter und Jäger gingen einen Schritt weiter und forderten Abschüsse von Wölfen zu vereinfachen. Seit diesem Zeitpunkt gewann das Thema immer mehr an Bedeutung mit bis dato dutzenden Artikeln in lokalen Zeitungen.

Oktober 2018: Konflikt wird emotionalisiert

Im Oktober wurde das sogenannte „Rodewalder Rudel“ als Urheber der Risse identifiziert. Da auch ein Alpaka in der Nähe eines Waldkindergartens gerissen wurde, kochten Emotionen hoch. Das Wolfsbüro Niedersachsen reagierte, in dem Infoabende anbot, um Tierhalter und die Öffentlichkeit über den Umgang mit Wölfen aufzuklären. Es machte dabei klar, dass es in Deutschland seit der Wiedereinführung keine einzige Wolfsattacke auf Menschen gab und auch keinen Anlass zur Beunruhigung bezüglich dessen gäbe. Im gleichen Monat wurden im Landtag Maßnahmen gefordert, um Wolfspopulationen einzudämmen. In Bezug auf das Rodewalder Rudel wurde gesagt, es „schlage erbarmungslos auch zwischen Häusern zu“, sodass „Blut bis an Häuserwände spritze.“ Während von einer Seite wolfsfreie Zonen gefordert wurden, betonte die Gegenseite dass Entschädigungen für Nutztierhalter die Akzeptanz stärken könnten. Obwohl es in Niedersachsen bereits seit 2017 Entschädigungen für Wildrisse und Beihilfen zu Herdenschutzmaßnahmen gibt, wurden diese im entsprechend im Januar 2019 aufgestockt.

Februar 2019: Abschuss wird genehmigt

Im Februar wurde offiziell eine Genehmigung für den Abschuss des Leitrüden des Rodewalder Rudels ausgestellt. Der Niedersächsische Umweltminister begründete die Genehmigung damit, dass der Wolf – durch DNA-Proben bestätigt – insgesamt wahrscheinlich 40 Nutztiere gerissen hat, darunter Rinder, die ausreichend durch Herdenschutzmaßnahmen geschützt gewesen sind. Damit ist ein Abschuss laut Bundesnaturschutzgesetz möglich. Es gehe vor allem darum, dass der Rüde seinen Nachfahren nicht beibringe, Nutztiere zu reißen. Umweltschützer zweifelten die Rechtmäßigkeit der Genehmigung an, weil andere Abschreckungsmaßnahmen nicht ausgereizt worden seien. Die Genehmigung wurde jedoch vor Gericht bestätigt. Kritik an der Abschuss-Genehmigung blieb jedoch bestehen, da man den Leitrüden kaum von den anderen Mitgliedern des Rudels unterscheiden kann und der Abschuss des falschen Wolfes nicht unwahrscheinlich ist.

April 2019: Tierschützer und Tierzüchter unversöhnlich

Während die Politik mit den legalen Fragen beschäftigt war, kochte das Thema in der Bevölkerung so hoch, dass der lokale Wolfsberater aufgrund von Drohmails abgezogen werden musste. Trotz aller Appelle von Experten für eine sachliche Diskussion, konnte dier Konflikt seitdem nicht entemotionalisiert werden. Nach einem offenen Brief von 14 Wolfsberatern des Landes, in dem sie die Abschussgenehmigung kritisierten, forderten Schafzuchtverbände die Entlassung dieser Berater wegen fehlender Neutralität.

Die ursprüngliche Genehmigung war nur für einen Monat bis Ende Februar gültig. In dieser Zeit konnte der Wolf jedoch nicht entnommen werden, sodass die Genehmigung verlängert werden musste. Die Suche dem Wolf wurde dadurch erschwert, dass sowohl mit Rettungsaktionen durch Aktivisten als auch mit illegalen Abschüssen von Privatpersonen gerechnet werden musste. Deswegen wurde geheim halten, wer mit dem Abschuss beauftragt ist. Die Spannung zwischen Wolfsschützern und der Landbevölkerung spitzte sich soweit zu, dass Wolfsschützer sich zu abendlichen „Nachtwanderungen“ trafen, um den Abschuss durch Jäger zu verhindern. Dabei machten sich anscheinend so viel Lärm, dass Anwohner sich gestört fühlten. Darauf reagierte eine Jagdgenossenschaft, indem sie ein nächtliches Betretungsverbot für den Wald beantragte, um in Ruhe Wildschwein jagen zu können. Der Antrag wurde jedoch abgelehnt.

Mai 2019: Beide Seiten mit neuer Kritik

In den folgenden Monaten konnte der Wolf jedoch weiter nicht gefunden werden, sodass die Abschuss-Genehmigung ist weiter verlängert wurde. Das rief neuerlich Kritik durch Wolfsschützer herbei, da dem Wolf seit Erteilung der Genehmigung keine Nutztierrisse mehr nachgewiesen werden konnten und der Leitwolf bei der Aufzucht des erwarteten Nachwuchs fehle. Der gleiche Wolfsschutzverein, der bereits im Februar gegen die Genehmigung klagte, reichte im Mai erneut Klage ein, um die Genehmigung zu beenden. Außerdem wurde kritisiert, dass Anträge zur Unterstützung von Herdenschutzmaßnahmen nur nach langen Wartezeiten genehmigt wurden. Im Juni waren zwei Drittel von 300 eingereichten Anträge noch nicht bearbeitet. Im Gegenzug kritisierten Bauernverbände, dass der Abschuss so lange dauert und nicht hart genug gegen Störer vorgegangen wird, die den Abschuss verhindern wollen. Außerdem forderten sie eine generelle Obergrenze für Wolfe, weil Herdenschutz die Nutztiere nicht ausreichend schützen könne.

August 2019: Verhältnismäßigkeit wird in Frage gestellt

Im August drehte sich der Konflikt um die Kosten. Von den Grünen wurde bemängelt, dass nur 2,9 Millionen Euro für den Herdenschutz zur Verfügung gestellt wurden, obwohl diese Summe nur für 350 der bis dahin 480 Anträge reiche. Auf Anfrage teilte das Umweltministerium mit, dass die Jagd auf den Rodewalder Wolf mittlerweile 83.000€ gekostet habe. Diese Summe wurde als unverhältnismäßig kritisiert, da sich alle die Ausgleichszahlungen für Risse des Wolfes auf unter 3000€ belaufen. Trotzdem wurde die Abschuss-Genehmigung bis Ende August verlängert.

Wie ein Konflikt eskaliert

Der Konflikt über den Rodewalder Wolf zeigt beispielhaft, wie Diskussionen über den Umgang mit Wölfen in vielen Fällen eskalieren. Spannungen zwischen Nutztierhaltern, die ihre Herden schützen wollen, und Tierschützern, die strikt gegen Abschüsse von Wölfen sind, treten immer wieder auf. Problematisch werden diese Spannungen, wenn beide Seiten anfangen in Schwarz und Weiß zu denken und aufhören miteinander zu reden. Stattdessen wird versucht, möglichst viele Leute auf seine Seite zu ziehen, wofür oft emotionale Argumente genutzt werden. Durch die Emotionalisierung des Konflikts verhärten sich die Fronten und es wird Platz geschaffen für „Fake News“, weil die Untermauerung des eigenen Standpunkts wichtiger wird als Fakten. Diese Emotionalisierung führt zu Aktionen wie den Nachtwanderungen der Tierschützer, die Anwohner und Tiere stören, und der illegalen Tötung von Wölfen. Dabei wird immer mehr das eigentliche Problem aus den Augen verloren und es geht mehr darum, die Gegenseite zu diffamieren.

Um eine gesellschaftliche Spaltung zu vermeiden, müssen Konflikte zwischen Wölfen und Menschen präventiv verhindert werden. Dies kann nur geschehen, wenn von offizieller Seite Wolfs- und Herdenschutzmanagement geregelt werden und involvierte Bürger frühzeitig aufgeklärt werden.

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